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Johannesburg – widersprüchlich, undurchschaubar, schick und schmutzig

Sommerferien in Johannesburg

Sie ist wie eine alte, verruchte Lady: Widersprüchlich, undurchschaubar, interessant, gefährlich, schick und schmutzig zugleich. Die Rede ist von Jozi oder Joburg – wie die Südafrikaner Johannesburg nennen. Mit knapp 4 Millionen Einwohnern im Großraum Joburg ist sie die größte Stadt im Süden Afrikas mit einem ziemlich schlechten Ruf. Wer Johannesburg googelt bekommt Treffer wie: eine der gefährlichsten Städte der Welt, zehnmal so hohe Mordrate wie in Berlin, Carjacking usw. Sicherheit ist ein ganz großes Thema in der Stadt, aber nun mal der Reihe nach.

Als wir morgens in Johannesburg landen bin ich sofort hellwach. Am Flughafen wartet der eigentliche Grund unserer Reise, die liebe Sandi, die vor zwei Jahren mit Ihrer Familie vom Berliner Norden nach Botswana gezogen ist. Bei der Einreise war Geduld gefragt, wir brauchen fast eine Stunde. Jeder wurde von der Wärmebildkamera mit der Aufschrift „Ebola Health Check“ überprüft und die Einreise mit Kindern ist seit dem 1. Juni 2015 etwas umständlicher. Man benötigt eine Internationale Geburtsurkunde für die Kinder, wer sie nicht hat, wird nach Hause geschickt. Eine Familie hinter uns hatte Pech und musste direkt zurückfliegen.

Und dann große Wiedersehensfreude und ja, auch ein paar Freudentränchen …  Wir holen unseren Mietwagen von Sunny Cars ab und bekommen sogar die gleiche Automarke wie zu Hause, nur alles falschrum, ist ja Linksverkehr in Südafrika. Ich überlasse meinem Liebsten das Fahren und kann auf dem Weg zu unserem guesthouse schon einen Blick auf die Stadt werfen.

Erst auf der Autobahn realisieren wir, dass wir gar kein Navi haben. Können wir auch nicht, haben wir ja nicht gebucht. Na toll. Glücklicherweise ist eine gebürtige Joburgerin dabei, die sich in der Stadt auskennt. Ich fürchte, wir hätten unser Domizil sonst nicht gefunden. Als wir dort ankommen, arbeiten wir uns Stück für Stück zu unseren Gastgebern vor. Erst öffnet sich ein elektrisches Tor, dann fahren wir in eine Schleuse bis zum nächsten Tor, unser Häuschen hatte auch ein Extrator. Das gesamte Anwesen ist mit hohen Mauern und Elektrozäunen gesichert.

Familienreise_Johannesburg_Sicherheit
Familienreise_Johannesburg_Sicherheit
Familienreise_Johannesburg_Sicherheit
Zwischen Mauern und Zäunen steht unser guesthouse. Trotz der gewöhnungsbedürftigen Abschottung fühlen wir uns auf Anhieb wohl. Es war im Haus nur etwas frisch. Während draußen um die 20 Grad sind, schätze ich die Innentemperatur auf maximal 15 Grad. Brrrr. Der kleine Elektroheizer läuft zwar schon, bringt aber nicht viel. Die meisten Häuser in Südafrika haben keine Heizung. Im Winter wird entweder über eine Klimaanlage, Kamin oder gar nicht geheizt. Wir heizen lieber gleich den Ofen an. Allzu lange blieben wir nicht, wir wollen los und die Stadt sehen.

Um in der Kürze der Zeit einen Eindruck von Joburg zu bekommen, setzen wir uns in einen der roten Hop on – Hop off-Busse. In Mailand haderte ich noch mit dieser Art der Stadterkundung, inzwischen finde ich es gerade mit Kindern total praktisch. Über Kopfhörer kann man den Erklärungen auf Deutsch und 14 weiteren Sprachen folgen. So bleibt es auch für die Kinder interessant. Der Bus ist leer und so können wir uns im oberen, offenen Teil ausbreiten.

Viele klassische Sehenswürdigkeiten gibt es nicht, dafür eine bewegende Geschichte, die für Gänsehaut sorgt. Die Tour führt durch die City, Mining District, Newton und das Szeneviertel Braamfontein. An 12 Stationen kann man in den Bus rein- und raushoppen.

Haltepunkte sind u.a. das Carlton Center, Afrikas höchstes Gebäude mit einer Aussichtsplattform in 200 Metern, die „Wits“ – University of the Witwatersrand, eine der renommiertesten Universitäten Südafrikas, der Gandhi Square, in Gedenken an seinen Namensgeber, der einige Zeit in Südafrika lebte und Constitution Hill, während der Apartheid ein berüchtigtes Männer-Gefängnis, in dem auch Ghandi und Mandela inhaftiert waren.

doppeldeckerbus_Johannesburg
doppeldeckerbus_Johannesburg
Johannesburg Zentrum
Johannesburg Zentrum
Brutal Architecture, Johannesburg

Während der Fahrt fällt immer wieder der Begriff brutal architecture. Den Architekturstil Brutalismus gibt es tatsächlich, er bezieht sich aber auf das Baumaterial „roher Beton“. Während der Apartheid wurden viele Verwaltungsgebäude in diesem zum Teil bedrückenden Stil gebaut, um die schwarze Bevölkerung schon „äußerlich“ einzuschüchtern.

Selbst in der Kürze der Zeit können wir ein wenig Josi-Atmosphäre schnuppern und die Gegensätze der Stadt spüren. Wir kommen an funkelnden Wolkenkratzern vorbei, zwei Straßen weiter sind die Gehwege vermüllt und dreckig. In der City liegen Verfall, Armut, Gentrifizierung und Ausbau des Hippster-Viertels Maboneng ganz nah beieinander.

Ein Teil der Strecke führt aus der Innenstadt heraus und von der Autobahn eröffnen sich tolle Perspektiven auf die Skyline.

Skyline JohannesburgJohannesburg

Zwei weitere Stopps befinden sich außerhalb des Zentrums, Richtung Soweto (South Western Townships). Das Apartheid Museum und die Golden Reef City. Das Museum gilt als Must See in Johannesburg. Es zeigt die Geschichte des Rassismus und die Brutalität des Systems. Auf der Webseite des Museums wird darauf hingewiesen, dass es für Kinder unter 11 Jahren nicht geeignet ist.

Apartheid_Museum_Johannesburg

Endhaltestelle ist für uns die Gold Reef City, ein Freizeitpark, der auf einer der größten und tiefsten Goldminen Südafrikas gebaut wurde (sagt Wikipedia). Die Kinder frohlocken schon in Anbetracht der Achterbahnen und vielen Attraktionen, aber dafür reicht die Zeit nicht mehr. Wir werfen noch einen Blick in das riesige Casino und machen uns langsam auf den Heimweg.

Golden Reef City_Johannesburg_FamilientourGolden Reef City Casino Johannesburg

Der Tag war lang und die Nacht im Flieger kurz, wir haben Schlaf nachzuholen und morgen geht es früh weiter nach Botswana.

Josi, ich kenne dich nicht gut, nur ganz, wirklich ganz oberflächlich. Dein schlechter Ruf hat mir Kopfschmerzen bereitet und eine Schönheit bist Du wahrlich nicht. Doch du beschäftigst mich, bist faszinierend, spannend und voller Leben und erinnerst mich ein bisschen an das Berlin der 80er Jahre.


Johannesburg – Tipps für Eilige

Die Meinungen über sichere Gegenden mögen auseinandergehen und die Stadt verändert sich permanent. Aber vor dem Stadtzentrum mit den No Go-Areas Hillbrow, Berea und Alexandra wird immer wieder gewarnt. Wir sind der Empfehlung unserer Freunde gefolgt und haben für den ersten Stopp ein guesthouse im Norden der Stadt gemietet. Die nördlichen Gegenden Rosebank, Melville und Sandton gelten als sicher.

Auf dem Rückweg haben wir direkt am Flughafen übernachtet, da unser Flug am nächsten Morgen sehr früh ging. Das City Lodge Hotel at OR Tambo International Airport kann ich wärmstens empfehlen. Es liegt oberhalb des Parkhauses und hat direkten Zugang zum Flughafengebäude. Vom Fluglärm haben wir nichts gehört, die Zimmer sind modern eingerichtet und das Frühstück war lecker.

Wer nur für einen kurzen Zwischenstopp in Johannesburg ist, kann trotzdem etwas von der Stadt sehen. Vom Flughafen verkehrt der Gautrain, ein moderner (und sicherer) Zug nach Sandton, einer schicken Gegend mit Shoppingmalls, Restaurants und Hotels rund um den Nelson Mandela Square. Alternativ kann man mit dem Gautrain vom Flughafen bis zur Park Station fahren und dort in die roten Hop on – Hop off-Busse umsteigen. Die Busse fahren ab 09.00 Uhr alle 40 Minuten, die komplette Runde dauert zwei Stunden. Bustickets kosten 170,- Rand, die Kinder sind kostenlos.


Herzlichen Dank an Sunny Cars für die freundliche Unterstützung.

8 Kommentare

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  4. Anne sagt

    beim Lesen der Reisebeschreibungen und den wirklich tollen Bildern werden die Erinnerungen an meine Südafrikareise lebendig,allerdings ist so eine privat organisierte Reise wesentlich spannender und schöner als eine organisierte Tour, habe den ganzen Nachmittag Afrika mit durchstreift und mich an deinen Bildern erfreut. VG

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