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Tallinn – ein etwas anderer Städtetrip

Tallinn Altstadt Roadtrip Estland

Von Tallinn hatten wir nur Gutes gehört. Ein grandioser Abschluss unseres Baltikum-Raodtrips war uns in der estnischen Hauptstadt sicher. Und dann kam es doch ganz anders. Wir hinterließen unschöne Spuren im bekanntesten Restaurant der Stadt, gingen in das schlechteste China-Bistro und machten ein Nickerchen im Einkaufszentrum.

Nun aber mal von vorn: Schweren Herzens verließen wir die Insel Saaremaa im Osten Estlands, um drei Stunden später bei strömendem Regen in Tallinn anzukommen. Doch auch hier war uns das Glück (noch) hold, die schwarzen Wolken verzogen sich in dem Moment, als wir das Hotel verließen.

Ins Zentrum war es nicht weit und ehe wir uns versahen, waren wir mittendrin im Mittelalter. Fast wie eine Filmkulisse erscheint die perfekt sanierte Altstadt mit kleinen, schiefen Häusern, Speichern, der Stadtmauer mit Wehrtürmen, holprigen Straßen und den Restaurants Peppersack und Olde Hanse. Die Stadt inszeniert sich selbst mittelalterlich. Mägde in langen Gewändern verkaufen gebrannte Mandeln und Karamell.

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Seit 1997 gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO. Einst wichtiges Mitglied der Hanse, wecken die gotischen Kaufmannshäuser Tallinns Heimatgefühle in mir und erinnern mich stark an die norddeutschen Hansestädte.

Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt liegen dicht beisammen und werden von einer riesigen Stadtmauer umschlossen.

Tallinn Altstadt Estland

Tallinn Altstadt, EstlandTallinn Altstadt Stadtmauer WehranlagenTallinn Altstadt Stadtmauer

Nach ein paar Stunden kreuz und quer durch die Stadt stellte sich Hunger ein. Demokratisch stimmte die Familie ab und die Viermal Fernweh-Jungs setzten sich durch. Sie wollten in das bekannteste Mittelalter-Restaurant der Stadt, die Olde Hanse. Na gut, dann gehen wir eben in den Tourischuppen, durch den Besuchertruppen aus allen Teilen der Welt geschleust werden.
Die Bestellung dauert etwas, da die Tochter ja essenstechnisch immer etwas schwieriger zu beglücken ist.

Tallinn Restaurant Olde Hanse

Wir entscheiden uns für irgendwas mit Buchweizen, Bohnenmus, Rüben und Huhn. Für die Kinder gibt es Tee, denn im Mittelalter gab es die bunten Softdrinks und Mineralwasser noch nicht. Die Eltern bestellen sich dunkles Kräuter- und Honigbier. Uaaah, das war gar nicht lecker.

Tallinn Restaurant Olde HanseTallinn Restaurant Olde HanseTallinn Olde Hanse Restaurant

Als das Essen kam, sah ich schon den mürrischen Blick der Tochter. Und was macht man als fürsorgliche Mutter? Natürlich das Kind ermutigen, wenigstens zu probieren, nur ein bisschen … Das tat sie auch tapfer, und dann? Ich traue mich kaum, es zu schreiben. Das Essen nahm den Weg rückwärts, vom Magen nach oben, wo es schwallartig wieder auf ihrem Teller landete. Kaum zu glauben, aber präzise getroffen. Auf dem Weg zur Toilette hinterließ sie weitere Spuren, aber niemand schien Notiz davon zu nehmen. Mittelalter halt? Keine Ahnung, das Kind heulte, hatte Bauchschmerzen und wir bezahlten schnell (die ziemlich hohe) Rechnung.

Kaum im Hotel ging es der Tochter wieder besser. Leider gab sie den Staffelstab an mich weiter und ich verbrachte die Nacht im schicken 4-Sterne-Bad unseres Zimmers. Am Morgen war ich dann so Asche, dass ich unmöglich aufstehen konnte. Vor uns lag noch der ganze Tag, unsere Fähre nach Stockholm ging erst um Mitternacht. Mein lieber Mann fragte an der Rezeption, ob wir das Zimmer bis zum Abend behalten können. Leider nein, zwei Stunden konnte er rausschlagen.
Es nütze nichts, irgendwann musste ich aufstehen und quälte mich bis ins nahe gelegene Shoppingcenter. Dort konnte ich mich hinsetzen und die Familie zum Shoppen schicken. Es dauert nicht lange, bis ich einschlief. Pffff, peinlich, ach egal, mich kannte ja keiner.

Den Tag verbrachten wir überwiegend in der Altstadt und zahlreichen Cafés, denn obwohl ich mich tapfer schlug, brauchte ich viele Pausen.

Tallinn Altstadt CafeTallinn Altstadt, SouvenirshopTallinn, Cafe Altstadt

Einen Stop legten wir in einem China-Restaurant ein, denn eine Asia-Hühnersuppe und ein Ingwer-Tee schienen die Rettung für meinen Magen zu sein. Ganz ehrlich, ansonsten würde ich nicht im Traum auf die Idee kommen, in Estland zum Chinesen zu gehen. Wir waren die einzigen Gäste und spätestens als ich meine Suppe probiere, wunderte mich das nicht. Mal abgesehen von der übel launigen Bedienung und der schmuddeligen Tischdecke, war das die grottigste Suppe, die ich je gegessen habe.

Wir liefen zum Marktplatz, um die Ratsapotheke zu besuchen. Sie ist Europas ältestes Apotheke aus dem Jahr 1422. Meine Familie sah sich das kleine Museum im Inneren an, während ich versuchte, mich mit meinem Anliegen verständlich zu machen. Mit echter Medizin verließen wir das geschichtsträchtige Haus.

Tallinn älteste Apotheke EuropasTallinn, älteste Apotheke Europas

Tallinns beste Aussicht – Der Domberg

Die Kraft reichte dann wieder, um auf den Domberg zu wackeln. Hier gibt es (nahe des Schlosses) die beste Aussicht auf die Stadt, ein paar Meter weiter zeigt sich auch die russische Seite Tallinns: Die XXL-Zwiebeltürme der prunkvollen Alexander Newski-Kathedrale, Estlands größter russisch-orthodoxer Kathedrale.

Tallinn Aussicht vom DombergTallinn Alexander-Newski-KathedraleTallinn Alexander-Newski-Kathedrale

Es war mal wieder Zeit für eine Pause, da sahen wir ein kleines Café, das an der Stadtmauer klebte. Über eine schmale Stiege ging es hinauf und als wir die Preise sahen, wären wir fast wieder hinten über gefallen. Der grandiose Ausblick hat seinen Preis. Wir sind geblieben und haben uns eingeredet, dass mindestens die Hälfte der Einnahmen zur Erhaltung der Stadtmauer verwendet werden.

Tallinn Stadtmauer Cafe Tallinn Stadtmauer Cafe

So schön Tallinn ist, ich war froh, als wir ins Auto stiegen. Unsere Fähre nach Schweden ging zwar erst um Mitternacht, aber der Fährhafen Paldiski ist eine knappe Stunde von Tallinn entfernt und ich hoffte, schnell in die Kabine zu kommen.

Nägemist (tschüß) Tallinn. Wir kommen sicher wieder, dann in besserer Verfassung.

Estland Roadtrip mit Familie


 

Mehr Reiseberichte unseres Rodadtrips durch Litauen, Lettland und Estland findet Ihr in der Rubrik Baltikum.

 

16 Kommentare

  1. Oh je, Ines, das klingt wirklich nach Tallinn zum Abgewöhnen… tut mir echt Leid. Musst eben auf jeden Fall nochmal hinfahren.
    Wenn ich da so an meinen bisher einzigen Besuch in dieser Stadt Anfang der 90er Jahre denke. Das war damals der Auftakt unserer fünfwöchigen Baltikum-Fahrradtour… für umgerechnet cirka 2.50 DM aßen wir eine leckere Pizza, und auch sonst war alles sehr billig damals, aber auch sehr, sehr basic (nix mit 4-Sterne-Unterkünften). Ach ja, ich will auf jeden Fall auch nochmal hin!!
    LG aus dem Norden,
    Hartmut

    • Ines sagt

      Ich wollte Tallinn gar nicht in Misskredit bringen, wer weiß, wo ich mir was eingefangen habe. So preiswert wie damals ist die Stadt nicht mehr. Von den drei baltischen Ländern, die wir bereist haben, war Estland das teuerste.2,50 DM für eine Pizza klingt himmlisch 😉
      Liebe Grüße, Ines

  2. Schade, dass du die Stadt nicht so sehr genießen konntest. Aber ist es nicht wunderbar, wie man einfach durch die Stadt läuft und automatisch im Mittelalter ist? So toll für Kinder!

    • Ines sagt

      Ja, das stimmt. Und durch die überschaubare Größe macht das auch mit kleineren Kindern richtig Spaß. VG Ines

  3. Anne sagt

    Hast Du gar nicht erzählt,wie schlecht es Dir auf Eurer Tour ging.Katastrophe,wenn es einen unterwegs so krass erwischt.

  4. Och schade! So ein Unwohlsein kann einem echt den ganzen Tag versauen.
    Deine Fotos sind jedoch herrlich und wecken Fernweh. Ich träume ja auch schon lange von einem Campingtrip durch’s Baltikum.
    Nun geht’s jedoch erstmal nach Korsika.

    Herzliche Grüße von
    Kerstin

    • Ines sagt

      Vielen Dank Kerstin, dann kommt das Baltikum als nächstes dran 😉 Auf Korsika war ich noch nie, habe nur Gutes gehört. Viel Spaß und liebe Grüße, Ines

  5. Oh nein, du Arme, Ines!
    Mit einem Magen-Darm-Virus macht eine Stadtbesichtigung keinen Spaß. Dafür hast du dich echt tapfer geschlagen und das Ganze auch noch wirklich humorvoll beschrieben.
    Liebe Grüße
    Gela

    • Ines sagt

      Danke Gela, mir ist bis heute nicht klar, woher das kam. Ist aber auch egal, heute lache ich ja darüber. Liebe Grüße, Ines

  6. Jaaa, so kann’s halt auch gehen… wir hatten schon ein paar Mal Pech in Tallinn und sind in weniger guten Restaurants gelandet. Von Magenproblemen sind wir aber bislang verschont geblieben, das hört sich ja ziemlich krass an bei euch, ojeee… und das auch noch quasi im „1. Haus am Platze“, im Olde Hanse 😀 !

    Tallinn ist hübsch, aber ich persönlich mag die kleineren Orte in Estland viel lieber.

    Viele Grüße,
    Heike

    • Ines sagt

      Oh je, jetzt ist der Eindruck entstanden, dass die Olde Hanse Schuld ist. Das glaube ich persönlich gar nicht. Ich denke, mein Töchterchen hat irgendwo was mitgenommen und Zeit der Retour war dann einfach dort. (Vermute ich mal.)

      Geht mir auch wie Dir Heike, Talinn ist eine tolle Stadt, aber Pärnu und Kuressaare sind gemütlicher. Liebe Grüße, Ines

  7. Oh nein, ich fühle mit Dir. Ich hatte das mal auf einen Frankreichtrip … Wie schade für Talinn. Für mich war die Stadt eine große Überraschung – weniger der überlaufene Altstadt Mittelalterklamauk als mehr das drum herum. Wir haben so coole urbane Ecken entdeckt. Hoffentlich verschläft es dich nochmals dort hin.

    • Ines sagt

      Danke Eva. Ich würde gern noch einmal zurückkehren, vor allem um dann in Richtung russischer Grenze zu fahren. Liebe Grüße, Ines

  8. Hallo! 🙂

    Euch hat das Honigbier nicht geschmeckt? Wie kann das sein? Im Vergleich zum deutschen Bier ist das ein Traum! Ich mag kein Bier, doch das Honigbier fand jeder wunderbar – der „normales“ Bier ebenso wie ich nicht mochte. Und die Standard-Biertrinker waren auch begeistert.

    Ich habe das Honigbier nur in Riga getrunken, eventuell gibt es Qualitätsunterschiede. 😉

    Liebe Grüße!

    PS: Mein Reisebericht aus Lettland mit dem traditionell-osteuropäischen Schwerpunkt auf den Alkohol:
    http://alkoti.de/urlaub-in-lettland-oder-wodka-dawai

    • Ines sagt

      Die Geschmäcker sind nunmal verschieden. Ich trinke normalerweise kein Bier, probiere aber gern Neues aus. Meinen Geschmack hat weder das Honig- noch das Kräuterbier getroffen. Viele Grüße

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